Rahmenbedingungen
Dortmund ist mit rund 580.000 Einwohnern eine Metropole im westlichen Westfalen und Tor zur Rhein-Ruhr-Region. Im Rahmen des Strukturwandels wurde aus dem Dortmund des Bergbaus und der Schwerindustrie eine Stadt des Mittelstands, der Technologie und der Dienstleistungen mit einem nach wie vor starken industriellen Kern. Mittlerweile siedeln sich Branchen wie Informationstechnologien (IT), Mikro-/Nanotechnologie und Logistik, zunehmend auch Biomedizin und Robotik an.Die Arbeitslosenquote betrug in Dortmund im Februar 2012 insgesamt 13,3 %, 11,7 % bei den 15 bis 25-jährigen und 8,3 % bei den 15 bis 20-jährigen jungen Menschen. Im Rechtskreis des SGB II ist allgemein eine Quote von 10,3 %, 8,3 % bei den 15 bis 25-jährigen und 7 % bei den 15 bis 20-jährigen jungen Menschen zu verzeichnen.
In Dortmund werden die JUGEND STÄRKEN-Programme „Aktiv in der Region“, „Schulverweigerung – Die 2. Chance“, „Jugendmigrationsdienste“ und Kompetenzagentur umgesetzt.
Ziele und Methoden
„Aktiv in der Region“ wird in Dortmund unter dem Titel „JuKoNetz Dortmund“ durchgeführt. „Jugendkompetenznetz“ steht für die Lückenschlussprojekte und Angebote zur Stärkung und Unterstützung junger Menschen und für die strukturbildenden Angebote zur rechtskreis- und trägerübergreifenden Zusammenarbeit.Die Programminhalte von „Aktiv in der Region“ wurden von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der 4. Dortmunder Jugendkonferenz im Februar 2010 formuliert. Auf der 5. Dortmunder Jugendkonferenz im Januar 2012 wurden die Handlungsempfehlungen der 4. Jugendkonferenz überprüft, an die neuen Rahmenbedingungen angepasst und um neue Handlungsempfehlungen ergänzt. An der Dortmunder Jugendkonferenz, die gemeinsam vom Jugendamt der Stadt Dortmund, dem Jobcenter Dortmund, den AG nach § 78 SGB VIII Jugendberufshilfe und erzieherischen Hilfen durchgeführt wird, sind freie Träger und Institutionen der verschiedenen Rechtskreise, Gesundheitsamt, Schule, Wirtschaftsförderung, Kammern und junge Menschen der Zielgruppe JUGEND STÄRKEN aktiv beteiligt.
Handlungsempfehlungen der 4. Dortmunder Jugendkonferenz, ergänzt durch Empfehlungen der 5. Dortmunder Jugendkonferenz:
- Einrichtung einer professions- und rechtskreisübergreifenden Anlaufstelle
- Systematisierte Identifizierung von „Risikojugendlichen“ durch Frühwarnsysteme mit abgestimmten Indikatoren und Unterstützung längs biografischer Entwicklung
- Dokumentation von Verläufen und Kompetenzen junger Menschen in Form eines e-portfolios
- Schaffung von sanktionsfreien, niedrigschwelligen und flexiblen Einstiegs-, Halte-, Aktivierungs- und Clearingangeboten
- Lückenschließung bei Angeboten für Schulverweigerer/-innen in Berufskollegs
- Mobile intensive Betreuung (aufsuchend) von zu 100 % sanktionierten jungen Menschen mit dem Ziel der Reintegration in das Fördersystem innerhalb eines Zeitraumes von 3 Monaten
- Beratung und Begleitung von erstausziehenden jungen Menschen im SGB II
- Erstellung einer Angebotsübersicht (Atlas) für junge unbegleitete minderjährige Flüchtlinge
- Organisation und Strukturierung der Netzwerke zur Unterstützung junger Menschen zu einer eigenständigen Lebensführung; Erstellung eines Informationsflyers und einer Datenbank
- Schaffung eines niedrigschwelligen, zeitnahen Zugangs zu Diagnoseverfahren für junge Erwachsene
- Einrichtung einer Stelle für einen Betriebsscout zur Vermittlung von jungen Menschen der Zielgruppe JUGEND STÄRKEN in Betriebe
Neu geschaffene Angebote
Rechtskreisübergreifendes motivierendes Sofortangebot für junge Menschen:
Im Februar 2011 wurde im Rahmen von „Aktiv in der Region“ ein Wohnmobil angeschafft. Junge Menschen aus unterschiedlichen Zusammenhängen – schulverweigernde Jugendliche der „2. Chance“, Schüler/-innen aus BGJ- und KSOB-Klassen, Maßnahme-Teilnehmer/-innen, junge Menschen der „Kompetenzagentur“, der erzieherischen Hilfen, junge Flüchtlinge – bekamen den Auftrag, ein Beratungsmobil zu konzipieren und die Gestaltung des Außen- und Innenbereiches zu entwerfen und umzusetzen. Hinzu kamen die Umbauten und Bereiche der Fahrzeugtechnik, die mit Anleiter/-innen umgesetzt wurden. Innerhalb von 3 Monaten entstand eine Beratungsmobil, das mittlerweile für die aufsuchende Arbeit als mobiles Beratungsbüro im Rahmen der Mobilen intensiven Betreuung und für die Öffentlichkeitsarbeit eingesetzt wird. Das Projekt wurde filmisch unter Mitwirkung von Teilnehmer/-innen dokumentiert (Link zum Film: www.jukonetz-dortmund.eu/jukompnetz)
Mobile intensive Betreuung (MiB), Erstauszugsberatung:
Zu 100 % sanktionierte junge Menschen aus dem Rechtkreis des SGB II werden in ihrem Umfeld durch eine Mitarbeiterin und einen Mitarbeiter des JuKoNetz aufgesucht. Nach einer Phase des Beziehungsaufbaus wird begonnen, die Gründe für den Abbruch der Mitarbeit zu bearbeiten. Hierbei wird bei Bedarf das Familiensystem einbezogen. Die Phase der Rückführung in das Unterstützungssystem ist auf 3 Monate begrenzt. Innerhalb dieses Zeitraumes wird zwischen dem jungen Menschen und dem/der Fallmanager/-in bzw. dem/der Arbeitsvermittler/-in durch den Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin des JuKoNetz vermittelt und eine Grundlage für eine erneute Zusammenarbeit gelegt. Eine Nachbetreuungsphase unterstützt den Übergang in das Fördersystem.
Junge Menschen, die eine Genehmigung zum Erstauszug durch das Jobcenter erhalten, werden vom MiB-Team über Rechte, Pflichten, Aufgaben, Lebensführung und Weiteres in der neuen Lebensphase informiert. Darüber hinaus steht das Team als direkte Ansprechstelle für die jungen Menschen zur Verfügung und begleitet den Erstauszug in Form regelmäßiger Nachfragen (telefonisch) über einen Zeitraum von 6 Monaten nach dem Erstauszug.
Fallbeispiel:
Mobile intensive Betreuung (MiB)
1) Herr S. ist 24 Jahre alt, er wurde zu 100 % im Jobcenter sanktioniert. Vorgeschichte: Er brach eine Beschäftigungsmaßnahme im GALA-Bereich ab, da er kein Interesse daran hatte. Es folgte eine weitere Maßnahme mit der Perspektive, einen Hauptschulabschluss nachzuholen und eine geförderte Ausbildung zum Altenpflegerhelfer zu absolvieren. Den Hauptschulabschluss erreichte Herr S. erfolgreich, in der Altenpflege fühlt er sich gut aufgehoben. Herr S. brach seine Ausbildung ab, da er sich um seinen erkrankten Sohn kümmerte, der mit der Mutter in einer Mutter-Kind-Einrichtung untergebracht war. Er versäumte es, dies dem Jobcenter mitzuteilen und reagierte nicht auf schriftliche Anfragen. Die Leistungen wurden eingestellt. Herr S. verlor seine Wohnung und geriet in die Obdachlosigkeit. Seine Papiere waren nicht mehr auffindbar.
Die MiB wurde beauftragt, Herrn S. ausfindig zu machen und ihn zu einer erneuten Mitarbeit mit dem Jobcenter zu motivieren. Die Kontaktaufnahme fand über die Eltern von Herrn S. statt. Die Ursachen für den Abbruch der Zusammenarbeit mit dem Jobcenter wurden vom MiB-Team mit Herrn S. ebenso wie Wünsche, Ziele, Unterstützungsbedarf geklärt und weitere Schritte vereinbart. Das MiB-Team vermittelte zwischen dem Fallmanager des Jobcenter und Herrn S. und begleitete ihn bei den notwendigen Schritten.
Innerhalb des intensiven Begleitungszeitraumes von 3 Monaten konnte Herr S. soweit stabilisiert werden, dass er wieder eine eigene Wohnung beziehen, seine finanzielle Situation klären und die Voraussetzung für eine weitere Förderung schaffen konnte.
2)
M. ist 20 Jahre alt und wohnt mit seiner Mutter und einem 5-jährigen Bruder in einer Bedarfsgemeinschaft. Die Mutter ist erkrankt, die Familie stark auf M.‘s Hilfe angewiesen, so dass es ihm Schwierigkeiten bereitete eigene Termine wahrzunehmen. Konflikte zwischen M. und der Mutter wurden von Seiten der Mutter mit Gewalt ausgetragen. Die Familie wechselte häufig den Wohnort innerhalb Deutschlands (8 mal), so dass es für M. nicht möglich war, einen Schulabschluss zu erlangen. Vorhandene Problematiken: Mangelndes Selbstbewusstsein, negatives Selbstkonzept, unsicheres Auftreten und Handeln, Schulden. Die Lebenslage hat M. zunehmend psychisch belastet, Termine nahm er nicht mehr wahr, er wurde sanktioniert.
Im Rahmen der MiB-Kontaktphase wurde M. aufgesucht, das Hilfeangebot vorgestellt, die aktuelle Lebenslage gemeinsam überprüft und eine Ressourcenermittlung durchgeführt. In einer 2. Phase wurden die Ursachen der Problemlage geklärt, Ziele und Umsetzungsschritte definiert und vereinbart, Bezugspersonen und Angehörige mit einbezogen und Hilfestellungen für die Mutter organisiert. Über einen Zeitraum von 3 Monaten fanden mehrerer Termine je Woche statt. M. wurde begleitet, er hat Angebote zur Steigerung der Kommunikations- und Konfliktfähigkeit und eine Schuldnerberatung wahrgenommen.
Eine Vermittlung durch MiB zwischen dem Jobcenter und M. fand statt. M. ist in eine eigene Wohnung gezogen, er wird ab Sommer 2012 seinen Schulabschluss nachholen und zur Überbrückung und Stärkung an dem Bundesprogramm „Integration durch Austausch“ – Aufenthalt in einem Workcamp in der Türkei – teilnehmen.
Kontakt:
Stadt Dortmund
Jugendamt
Roger Kiel (Koordinator)
Märkische Str. 24-26
44141 Dortmund
Tel.: 0173 – 271 2918
Email: R.Kiel@jukonetz-dortmund.eu
Weitere Informationen erhalten sie unter www.jukonetz-dortmund.eu
Foto: "Aktiv in der Region" - Pforzheim
Foto: "Aktiv in der Region" - Kempten
Foto: "Aktiv in der Region" - Halle (Saale)